Was soll es heißen, wenn sie von uns als zerrüttete Existenzen sprechen? Ich frage euch, liebe Genossinnen, ihr Mütter, ihr Mädchen von der Straße, ihr Arbeiterinnen, was sagen sie damit, dass sie uns zerrüttet nennen?

Eliza Boltanski (1874-1923)

Die vorliegenden Teile der Biographie der Eliza Boltanski, bekannt auch als Precaria Chiapello und v.a. als der „Engel vom Nordbahnhof“ in den 1910er Jahren Wiens, wurden im Zuge der Forschungsarbeiten an der biografischen Datenbank und dem Lexikon österreichischer FrauenbiografiA“ rekonstruiert.

In den Blickpunkt der Aufmerksamkeit gelangte die engagierte Kämpferin für Frauenrechte und frühe Sozialarbeiterin erst im Jahre 1999 während der Recherchen für ein Projekt am iwk, das eine umfassende bio-bibliographische Aufarbeitung österreichischer und österreichbezogener Wissenschaftlerinnen zum Ziel hatte.
Der Name Precaria Chiapello erschien in verschiedenen Unterlagen von Arbeiterbildungs- und Gewerkschaftsvereinen. Eine Precaria Chiapello tauchte dort als Rednerin auf, öfter allerdings noch im Zusammenhang mit buchhalterischen Abrechnungen von Unterrichtsstunden, Amtsgängen und diversesten Aufwendungen.

Die Lebensgeschichte der Precaria Chiapello bzw. eigentlich Eliza Boltanski wurde durch die Biografieforschung der Projektarbeiten zu „biografiA“ schlussendlich nicht erfasst. Die Kriterien für eine Aufnahme dieser Biografie – Wissenschaftlerin, Autorinnen, jüdische Frauen – waren in den verschiedenen Projektmodulen bisher (noch) nicht erfüllt. Eine umfassende Aufarbeitung der Lebensgeschichte steht noch aus.
Immerhin ist gesichert, dass es sich bei Eliza Boltanski und Precaria Chiapello um die gleiche Person handelt. Die Eckdaten ihrer Biografie sind bekannt.

  1. Kurzbiografie
  2. Der Engel vom Nordbahnhof
  3. „Keine Existenz ist zerrüttet …“

… was sagen sie damit, dass sie uns gefallene Mädchen? Haben wir uns denn selbst unser Leben zerrüttet?

Kurzbiografie der Eliza Boltanski

geb. 16.12.1871 in Bellinzona, Tessin, Schweiz
gest. ?.?.1923 in Puebla, Mexiko

Eliza Boltanski wird 1871 im Tessiner Bellinzona geboren. Über ihre Eltern ist wenig bekannt. Der Name Boltanski ist im Tessin seit 1834 aktenkundig als ein Krzysztof Boltanski nach der Ausweisung politischer Flüchtlinge von 1833 aus Frankreich im Tessin angesiedelt und polizeylich beobachtet wird.
Boltanski war Teil der polnischen Flüchtlinge der Nationalbewegung, hatte sich im Exil als bürgerlicher Handwerker von den vorwiegend adeligen Offizieren im Klub der „Jungen Polen“ entfremdet und distanziert.

Eliza Boltanski besucht die Volksschule in Bellinzona, ab 1883 das Privat-Mädchen-Gymnasium in Lugano. Sie wird aus nicht näher verifizierbaren Gründen der Schule verwiesen, wahrscheinlich aber, weil sie schwanger wurde.

Die Spur der Eliza Boltanski verliert sich im Tessin mit dem Jahre 1892. Sie scheint keinen Weg gefunden zu haben, ihr Kind und sich selbst ansprechend zu versorgen. Dieses verstirbt offensichtlich am 3.3.1892 im Ospedale Regionale, einem Krankenhaus zu Bellinzona.

In den 1890er und frühen 1900er Jahren arbeitet eine Precaria Chiapello, geborene Boltanski, auf verschiedenen landwirtschaftlichen Gütern im Piemont und der Po-Ebene. Mindestens in einem Fall dürfte sie als Buchhalterin beschäftigt gewesen sein und daneben an der Ausbildung der Gutsherrnkinder mitgewirkt haben.

Irgendwann um 1904/05 taucht eine Precaria Chiapello im Wien der letzten Jahrzehnte der k&k Monarchie auf. (Möglich scheint ein Zusammenhang mit einer Anstellung beim österreichischen Lloyd in Triest und dann in Wien. Allerdings tritt Precaria Chiapello in Wien nie eine Stelle beim österreichischen Lloyd an.)

1911 emigriert eine Eliza Boltanski nach Mexiko, offensichtlich unter dem sanften Druck der Behörden in Wien, die dem „Engel vom Nordbahnhof“ Precaria Chiapello eine Ausreise nahelegen und diese mit einer Geldzahlung unterstützen. Die Alternative war in vielen solcher Fälle der Kerker.

Eliza Boltanski stirbt 51 jährig in der mexikanischen Stadt Puebla.

Der Engel vom Nordbahnhof

Die Wiener Jahre sind die einzig biografisch etwas umfassender aufgearbeiteten Jahre, bleiben nichts desto trotz bruchstückhaft rekonstruiert. Das hat zu einem guten Teil auch damit zu tun, das von der Precaria Chiapello oder Eliza Boltanski kaum schriftliche Zeugnisse erhalten sind.

Sie dürfte nicht geschrieben haben. Sie hatte wenig Briefverkehr hinterlassen. Auch scheint sie ihre Reden, Vorträge und Schulungen nicht schriftlich vorbereitet zu haben.
Bezeichnender Weise ist ihre bekannt und berühmt gewordene Rede im Arbeiterbildungsverein Gumpendorf nicht von ihr direkt erhalten sondern als Niederschrift eines stenografischen Protokolles aus unbekannter Feder.

Rede Faksimile

In Wien tritt Precaria Chiapello nie eine Stelle als Buchhalterin an, weder beim österreichischen Lloyd noch bei einem anderen Unternehmen. Die Gründe dafür bzw. für ihre Übersiedelung nach Wien liegen im Dunkeln.
Ebenso offen ist, wie weit Precaria Chiapello noch in Italien politisch aktiv wurde oder war. Die gesellschaftliche Situatio im Oberitalien der Jahrhundertwende lässt eine politische Bildung, Prägung und Aktivität in diesem Umfeld als nahe liegend erscheinen, weitere Belege oder nur Indizien gibt es dafür jedoch nicht.

Wohnverhältnisse OstjudenDer Knotenpunkt Nordbahnhof
In Wien beginnt Precaria Chiapello nun bald in der Gegend um den Nordbahnhof tätig zu werden, dem mit Abstand größten Bahnhof Wiens zu dieser Zeit.

Sie engagiert sich für in Wien ankommende Ostjuden, übersetzt für die neu in der Reichshauptstadt ankommenden armen Familien bei manchen Gelegenheiten, besorgt erste Unterkünfte und Versorgung. Sie zieht nicht weniger als eine Art Gebietsbetreuung auf und das in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts.

Das Engagement ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Da wäre einmal der Umstand, dass sich die in der italienischen Schweiz aufgewachsene Frau mit polnischen Vorfahren um Ostjuden kümmert und mit diesen teilweise in polnisch kommuniziert. Über ihre Haltung zu Religion ist nichts bekannt außer der dokumentierten katholischen Konfessionszugehörigkeit in der schweizer Schulzeit.
Des weiteren ist das Engagement für Ostjuden im Wien nach 1900 außergewöhnlich.
Den Juden schlägt der Antisemitismus der Luegerjahre entgegen, die Arbeiterschaft ist über die Massen weitgehendst orthodoxer und politisch ungebildeter Armer nicht gerade erfreut, die aufgeklärte jüdische Intelligenz steht den galizischen Juden mit ihrer Shtetl-Kultur zumindest reserviert gegenüber.

WohnverhältnisseVerbesserung der Wohnverhältnisse
Precaria Chiapello ist unterdessen in der Oberen Donaustraße in der Leopoldstadt unermüdlich tätig und bekommt bald den Beinahmen „die gute Precaria„.
Sie arbeitet an der Verbesserung der Wohnverhältnisse, verhandelt mit Realitätenbesitzern, organisiert die Selbsthilfe. Und sie nimmt sich vor allem der Frauen und da der verlassenen und „gefallenen Mädchen“ an, bringt sie teilweise in ihrer eigenen Wohnung unter, unterrichtet sie, verschafft ihnen Arbeit als Bedienstete.

Wie sie ihre Tätigkeit finanziert erscheint nüchtern betrachtet als Rätsel. Die beiden relevantesten Quellen für Unterstützung sind die Arbeiterbildungs- und Gewerkschaftsvereine auf der einen Seite und finanzielle und Sachspenden wohlhabender, meist jüdischer Bürger auf der anderen Seite.
Einer ihrer prominentesten, aber stillen Unterstützer war Arthur Schnitzler, der ihr auch an zwei Stellen Zeilen in seinen Tagebuch Aufzeichnungen widmet.

Precaria Chiapello beschränkt ihr Engagement freilich nicht nur auf jene Ostjuden in ärmlichsten Verhältnissen, die nicht einmal deutsch sprechen. Sie widmet sich immer mehr auch Frauenfragen und wird hier politisch aktiver und fällt als Rednerin in Bildungsvereinen auf. Sie wird in der Arbeiterbildungsbewegung aktiv, führt die Buchhaltung zweier Vereine und bietet Unterricht für Arbeiterinnen in Buchhaltung an.

Deutschunterricht für Zuwanderinnen
Vor allem aber beginnt sie kostenlosen Deutschunterricht für Zuwanderinnen aller Nationalitäten nicht nur zu geben sondern auch zu organisieren. Sie gewinnt andere Frauen idR unter den Arbeiterinnen dafür, unentgeltlich Deutsch zu unterrichten und baut über die Bildungsvereine maßgeblich ein System für deutschen Sprachunterricht zu Gunsten von Frauen aus armen Verhältnissen auf.

ArbeiterbildungsvereinDer Sprachunterricht folgt dabei einem für damalige Gegebenheit revolutionärem Konzept. Trainiert wird nämlich die Beherrschung einer gesprochenen Schriftsprache für konkrete Situationen wie z.B. Ämterwege, Auseinandersetzungen mit der Polizei und die Kommunikation mit Dienstgebern. Das Training beschränkt sich nicht auf Sprache im engeren Sinne sondern behandelt Mimik, Gestik und Körpersprache gleichrangig in einem Gesamtkontext.

Mit der Emigration bzw. Ausweisung der Precaria Chiapello fällt die Organisation des Deutschunterrichts für Zuwanderinnen, Mädchen und Arbeiterinnen allzu bald in sich zusammen.

In der Arbeiterpresse erscheinen nun Würdigungen und auch ein Nachruf auf den „Engel vom Norbahnhof„.
Die Abreise bestreitet Precaria Chiapello übrigens wieder unter ihrem Namen Eliza Boltanski.

Keine Existenz ist zerrüttet …

Auszug aus der einzigen erhaltene Rede des „Engels vom Nordbahnhof„:

«… Freilich, wir wissen nur allzu gut, wie sie über unsere Klasse sprechen. Aber was sagen sie damit? Was soll es heißen, wenn sie von uns als zerrüttete Existenzen sprechen? Ich frage euch, liebe Genossinnen, ihr Mütter, ihr Mädchen von der Straße, ihr Arbeiterinnen, was sagen sie damit, dass sie uns zerrüttet nennen? Oder Gefallene Mädchen?
Haben wir uns denn selbst unser Leben zerrüttet? Ist es unsere Schuld, unser Fehlen, dass wir schuften nur gerade einmal für unser Leben und das unserer Männer, Kinder, Familien und dass da darüber nichts bleibt und nicht einmal das Geld und die Zeit, dass wir unser Leben reinlich, adrett und sauber oder auch nur gesünder und gescheiter einrichten möchten.
Nein, meine Genossinnen, ich sage euch wohl, euer Leben ist nicht zerrüttet zu nennen und die das sagen wollen sich nur selbst besser fühlen und nichts mit unserer Lage zu tun haben. Keine Existenz ist zerrüttet allein aus eigenem Verschulden, aber zerrüttet gemacht, zerrüttet gemacht, das sind unsere Leben sehr oft und sehr wohl. Zerrüttet durch die feinen Herren, zerrüttet durch die Armut, weil kein Stück Boden, kein Haus, kein Geschäft, keine Fabrik uns selbst gehören darf. Zerrüttet weil wir betteln müssen für die harte Arbeit als Bedienstete, als Waschweiber, als Küchenhilfen, als Stickerinnen, als Arbeiterinnen. Zerrüttet weil wir betteln müssen, dass wir die harte Arbeit jeden Tag machen dürfen und nicht morgen vor die Tür gesetzt werden, wenn wir uns etwas zu Schulden haben kommen lassen in den Augen unserer Herren. …»