Lumpenpack, Überflüssige, Gesindel (oder gleich Drecksgesindel), Aussatz, Bettelmafia, … Verwahrloste. Die Praktiken der Stigmatisierung von Menschen geht immer weiter und weiter und beständig neuen Höhepunkten zu.

Die Techniken der Stigmatisierung sind immer wieder die selben: sprachliche Kategorisierung und Segregation und Enthumanisierung, Zuschreibung von Minderwertigkeit. So entsteht die Legitimation mit diesen im gleichen Atemzug pauschalisiert konstruierten Gruppen in einer Art und Weise zu verfahren, die den Menschenrechten widerspricht, dem, wie wir behandelt werden wollen und zu behandeln sind.

In das sprachliche Segregieren und Konstruieren minderwertiger „problematischer“ Gruppen greift laufend die „Verwaltung“ dieser Gruppen, dh. die: „Organisation, wie mit diesen Gruppen zu verfahren sei„.
Das ist eine „Verwaltung der Angehörigen solcher Gruppen“, die standardisiert werden will und die legitimiert werden muss. Am besten wird das bewerkstelligt, in dem die Verwaltung dieser Gruppen in gesatzes Recht gegossen wird. Damit ist das dann auch vollkommen legalisiert. Alles ist rechtens.

Ausgerechnet die SPÖ-Abgeordneten im Wiener Landtag haben nun einen Antrag gestellt, mittels eines neuen Verwahrlosungsparagraphen im Landessicherheitsgesetz der Polizei künftig die Möglichkeit zu geben, ihrer Praxis der Wegweisung unerwünschter Personen endlich eine Rechtsgrundlage zu gewähren. Sie soll mit der Befugnis ausgestattet werden, Personen von öffentlichen Einrichtungen und Parks wegzuweisen, welche «allein durch ihr verwahrlostes Auftreten eine erhebliche Verunsicherung auslösen und die Bürgerinnen und Bürger von der widmungsgemäßen Nutzung der öffentlichen Einrichtungen abhalten bzw. in nicht zumutbarer Weise beeinträchtigen.» Vor hundert Jahren hätte die Sozialdemokratie gegen eine solche Armeleute-Bekämpfungs-Justiz einen Generalstreik diskutiert.

  1. Es sind nicht nur die Praktiken der Stigmatisierung, die immer weiter voranschreiten (HartzIV, Sozialschnüffler, Lager und Haft für Flüchtlinge etc.).
  2. Es sind nicht nur die Techniken der Stigamtisierung, die immer wieder die selben sind und die wir alle kennen.
  3. Wir kennen auch die Folgen der Stigmatisierung, den Ausgang dieses social engineerings, dieser Verwaltung der „Sozial Auffälligen“.

Wir wissen wo es hinführt und warum es wo hinführt. Und dazu muss es nicht auf die Spitze getrieben werden, muss es gar nicht einmal zur „Endlösung“ kommen.

Aber das Wissen, das vergessen wir gerne. Das nennt sich dann Sachzwang und ist aber Verdrängung.

Das Wissen um die folgenreiche Stigmatisierung von «Verwahrlosten» im NS-System, das Wissen um das Schicksal der als «verwahrlost» wahrgenommenen Menschen (Stichwort: Spiegelgrund) verbietet die Übernahme dieses Sprachgebrauchs und der dahinter liegenden Einteilung der StadtbewohnerInnen in erwünschte und nicht erwünschte Gruppen. Und es verbietet vor allem die Etablierung von zweierlei Recht in der aktuellen Gesetzsprechung demokratischer Gesellschaften: das Recht auf die freie Benützung des öffentlichen Raumes für die Ersteren, die Duldung des Aufenthalts im öffentlichen Raum für die Letzteren.

Mensch möchte annehmen, dass sie nicht wissen was sie tun, wenn die Wiener SP voranschreitet in der Praxis der Stigmatisierung und in der Anwendung der bekannten Techniken. Mensch möchte verdrängen.
Aber mensch muss diese SPÖ Wien, die sich selbst immer noch „Sozialdemokratie“ nennt in die Pflicht nehmen, darf hier nicht auslassen und Unwissenheit oder „vielleicht unglückliche Umstände, Formulierungen und Missverständnisse?“ annehmen.

Diese SPÖ Wien, hätte sie nicht das Erbe des roten Wien zu pflegen. Hätte sie nicht dem Bild von den nicht arbeitenden Verwahrlosten entgegenzuwirken? Läge es nicht gerade an ihr, den Arbeitsbegriff entgegenzutreten, der Arbeit nur den Gehaltsempfängern in gepflegter Kleidung zugesteht? Müsste es nicht gerade „die Sozialdemokratie“ sein, die sprachlich anerkennt und zwar coram publico anerkennt, dass Betteln wohl nicht Freizeit und Müßiggang sondern Arbeit ist, harte Arbeit eigentlich sogar.
Und müsste diese Sozialdemokratie, müssten die TrägerInnen des Erbes der SozialreformerInnen des roten Wien nicht dann bei den Arbeitsbedingungen dieser ArbeiterInnen angreifen? Aber diese ArbeiterInnen im Gewerbe des Bettelns, die sich diese Profession wohl in den seltensten Fällen ausgesucht haben, sie sind nun mal Lumpenproletariat.

Und auch diese Geschichte kennen wir, sie steckt in den komplementären Begriffen Lumpenproletariat und Arbeiteraristokratie.

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