Von Jörg Marx / marx-blog.de

Vor einem halben Jahr hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die „Bildungs-republik Deutschland“ ausgerufen. Auf dem „nationalen Bildungsgipfel“ hieß es, Investitionen in die Bildung seien Investitionen in die Zukunft. Heute in Wahlkampfzeiten wird BILDUNG erst recht groß geschrieben. Die Bezahlung derjenigen, die Bildung vermitteln, wird aber klein gerechnet. Erst diese Woche wurden in Berlin die Zuschüsse für Volkshochschulen, Musikschulen und andere Bildungsbereiche „neu berechnet“. Und das heißt gekürzt.

aktionbutterbrot1

Von Bildungsgipfeln weit und breit keine Spur. Von der Bildungsleere in Deutschland können hingegen die Dozenten berichten. Bildung außerhalb von Schule und Universität ist in der Regel die Sache von Freiberuflern. Festan-stellung ist die Ausnahme. So auch im Bereich der Angebote für Deutsch als Fremdsprache (DaF). Ein Paradebeispiel für prekäre Beschäftigungs-verhältnisse.

Sprache sei der Schlüssel für erfolgreiche Integration, weiß das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Deshalb hat das Bundesamt die Anforderungen an Kursleiter denn auch hochgeschraubt. Seit 1. Januar dürfen Integrationskurse nur noch von Lehrern geleitet werden, die entweder den Studiengang Deutsch als Fremdsprache absolviert oder nach dem Studium eine Zusatzqualifikation erworben haben.

Im gleichen Atemzug hat das Bundesamt dann ein Stundenhonorar von 15 Euro brutto für die hochqualifizierten Dozenten als „angemessene“ Bezahlung empfohlen. Die Wochenzeitung Jungle World hat nachgerechnet. Das Ergebnis: Bei 15 Euro brutto pro Stunde ist man mit Arbeitslosengeld II besser dran.

Denn die Abzüge sind immens. Als Freiberufler muss man sämtliche Betriebskosten wie Fahrtkosten natürlich aus eigener Tasche bestreiten. Hinzu kommen die Sozialversicherungsbeiträge.

In Deutschland sind freiberufliche Dozenten in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert. Und das bedeutet schon mal einen Abzug von 19,9 Prozent. In der Kranken- und Pflegeversicherung ist jeden Monat zusätzlich ein Mindestbeitrag von rund 340 Euro fällig. Eine freiwillige Unfallversicherung schlägt mit 245 Euro im Jahr zu Buche. Bei einem Einkommen von 1.000 Euro kommen so 556 Euro an Abzügen zusammen.

Für Deutsch als Fremdsprache und Integrationskurse schwanken die Honorarsätze derzeit zwischen 11 und 23 Euro. An der Volkshochschule Frankfurt am Main sind die Honorare zuletzt vor neun Jahren angepasst worden, an den Volkshochschulen in Berlin zuletzt 1993.Der Einkommensverlust von 1993 bis 2005 durch die Preisentwicklung beträgt mehr als 20 Prozent“, heißt es im Berliner Volkshochschulbericht 2008. Eine aktuelle Übersicht aller Bildungshonorare in Deutschland hat media fon zusammengestellt.

Selbst wenn man mit einem höheren Stundenhonorar rechnet, bleibt nicht viel mehr als das Existenzminimum übrig, wenn überhaupt. Bei 1.064 Unterrichtstunden (entspricht einer Lehrerstelle an Schulen) und einem Stundenhonorar von 18 Euro kommt ein DaF-Dozent je nach Abschreibungsmöglichkeiten auf einen Nettoverdienst von 6.381 Euro bis 9.924 Euro im Jahr, bei einem Stundenhonorar von 24 Euro auf 8.501 Euro bis 13.516 Euro.

Eine andere Frage ist, wie ein Dozent 1.064 Unterrichtsstunden zusammenbekommt. DaF-Dozenten tragen alle Risiken eines Selbständigen. Kommt beispielsweise ein Kurs nicht zustande, so erfährt er das erst in letzter Minute und steht dann ganz ohne Honorar da. Alle vier bis sechs Wochen wiederholt sich in der Regel dieses Spiel. Hinzu kommen die Zwangspausen an deutschen Volkshochschulen. Die Volkshochschulen bieten ihre Bildungsangebote merkwürdigerweise nur etwa neun Monate im Jahr an.

Anders als Lehrer an Schulen müssen sich die freiberuflichen Dozenten nebenher selbst verwalten, Aufträge akquirieren, Buchführung und Steuererklärungen erledigen. Der Unterricht muss natürlich auch noch vorbereitet werden. Krankheit rechnet für die Freiberufler zum Luxus, weil unbezahlt. Im vergangenen Jahr fehlte der Durchschnittsdeutsche immerhin 7,5 Tage wegen Krankheit.

Obwohl die Themen Bildung und Integration zu den Wahlkampfklassikern zählen, haben die DaF-Dozenten keine Lobby. Immerhin haben sich einige der Dozenten in Gewerkschaften und Interessensvertretungen zusammengeschlossen. Im November 2008 veranstaltete die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft einen Kongress zu „Prekärer Arbeit in der Weiterbildung“ (Dokumentation hier).

Bereits 1996 schlossen sich Dozenten für Deutsch als Fremdsprache unter dem Motto „Welche Butter auf welches Brot?“ zusammen. In der Aktion Butterbrot kämpfen sie seitdem gegen die katastrophalen Arbeitsbedingungen. Derzeit organisiert die Aktion Butterbrot eine „Briefflut“, um Medien und Politiker auf die prekäre Lage der DaF-Dozenten aufmerksam zu machen. Sogar von Streik ist jetzt die Rede.

Denn wie einst Marie Antoinette, scheint die Politik der Meinung zu sein: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen!“

Weiterführende Links:

Initiative der Hamburger DaF-Dozenten

DaF-Blog

Netzwerk Weiterbildung

DaF-Nachrichten

Kursraum

DaF-Portal

Advertisements